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Evangelisch · Diese Tradition mit einer anderen vergleichen

Angler, Fischer, Hoffnungsfänger

Professor Pfarrer Dr. Wolfgang Vögele · Predigtforum · 2026-07-05 · Karlsruhe · Quelle

Hoffnung · Hauptbotschaft Gemeinschaft · tragend Umkehr · tragend

Glaube ist eine dynamische Kraft, die in der Begegnung mit Jesus Sünde in Angenommensein verwandelt und Menschen zu Hoffnungsfängern macht, die Zuversicht in der Gemeinschaft weitergeben.

Glaube ist eine Kraft, eine Dynamik, eine enthusiastische Bewegung. Sie erzeugt andere Überzeugungen, ein neues Denken und neues Handeln. Glaube macht Fischer wie Petrus zu Menschenfischern. Glaube verwandelt Sünde in Angenommensein.

Die Predigt vergleicht Angeln und Netzfischen, um unterschiedliche Formen des Glaubens und der Begegnung mit Gott zu beschreiben. Am Beispiel des Fischfangs am See Genezareth wird gezeigt, wie Jesus durch Wort und Zeichen die Nähe Gottes erfahrbar macht. Petrus erkennt in dem großen Fang die göttliche Vollmacht und zugleich seine eigene Sünde. Jesus verwandelt diese Erkenntnis in Gnade und ruft Petrus zur Nachfolge auf. Der Text leitet daraus ab, dass evangelischer Glaube Menschen zugleich als Sünder und Gerechte anspricht. Hoffnung wird als zentrales Motiv eingeführt: Christen werden als 'Hoffnungsfänger' bezeichnet, die Hoffnungssplitter fangen und weitergeben. Der Text schließt mit einem Segenswunsch, der Gottes Friede als überquellendes Netz der Hoffnung beschreibt.

Weltbild

was das heißt
Was ist nach diesem Text die Wurzel des Übels?
Sünde, persönliches Versagen, Schuld vor Gott
Wo sitzt das Übel?
im Herzen, im Willen, in der Seele des Einzelnen
Was hilft dagegen?
Zuwendung Gottes, Erlösung, die nicht verdient wird; persönliche Erfahrung, Zeugnis, Begegnung mit Gott oder Menschen
Was ist der Mensch nach diesem Text?
gefallen, aus eigener Kraft nicht heil zu machen
Wohin geht die Geschichte?
eine Wende, ein Kommen, eine neue Ordnung steht bevor (erschlossen)
Worauf stützt der Text seinen Anspruch?
auf den Stifter oder Propheten der Tradition; auf die heilige Schrift der eigenen Tradition
Wem gilt die Zuwendung, die der Text fordert?
jedem Menschen, ohne Ansehen des Glaubens
Wohin richtet sich die Kritik des Textes?
auf die eigene Gemeinschaft und sich selbst

Verwandte Texte aus anderen Traditionen

nach Ähnlichkeit der Auswertung, ein Text je Tradition

Wozu der Text aufruft

Genannte Stellen

Lk 5,1-11

Gemessen

Grundhaltung
2 von -2 bis 2
Eindringlichkeit
2 von 3
Reichweite
3 von 5
Konkretheit
2 von 3
Abgrenzung
0 von 3
Zeitbezug
früher 2, jetzt 2, künftig 1

Ausgewertet mit qwen3.8-27b, Fassung v3. Die Maßstäbe sind für alle Traditionen gleich, nachzulesen unter Werte.

Wortlaut anzeigen
Predigttext & EinführungPredigtPredigttext: Lukas 5,1-11 (Übersetzung nach Martin Luther, Revision 2017) Es begab sich aber, als sich die Menge zu [Jesus] drängte, zu hören das Wort Gottes, da stand er am See Genezareth. Und er sah zwei Boote am Ufer liegen; die Fischer aber waren ausgestiegen und wuschen ihre Netze. Da stieg er in eines der Boote, das Simon gehörte, und bat ihn, ein wenig vom Land wegzufahren. Und er setzte sich und lehrte die Menge vom Boot aus. Und als er aufgehört hatte zu reden, sprach er zu Simon: Fahre hinaus, wo es tief ist, und werft eure Netze zum Fang aus! Und Simon antwortete und sprach: Meister, wir haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen; aber auf dein Wort hin will ich die Netze auswerfen. Und als sie das taten, fingen sie eine große Menge Fische und ihre Netze begannen zu reißen. Und sie winkten ihren Gefährten, die im andern Boot waren, sie sollten kommen und ihnen ziehen helfen. Und sie kamen und füllten beide Boote voll, sodass sie fast sanken. Da Simon Petrus das sah, fiel er Jesus zu Füßen und sprach: Herr, geh weg von mir! Ich bin ein sündiger Mensch. Denn ein Schrecken hatte ihn erfasst und alle, die mit ihm waren, über diesen Fang, den sie miteinander getan hatten, ebenso auch Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus, Simons Gefährten. Und Jesus sprach zu Simon: Fürchte dich nicht! Von nun an wirst du Menschen fangen. Und sie brachten die Boote ans Land und verließen alles und folgten ihm nach. Glauben kann Schwimmen, Rudern und Fische fangen. Es lohnt sich darum, Fischer und Angler zu vergleichen. Angeln gilt ja als eher meditative Beschäftigung. Viele Angler hocken einsam auf ihrem Campingstuhl, dessen Beine sich im Sand vergraben. Schweigend beobachten sie, wie der Schwimmer auf der Wasseroberfläche tanzt. Die Angelrute haben sie in den Schoß gelegt. Die Augen sind halb geschlossen. Sie lauschen dem morgendlichen Zwitschern der Vögel. Aufmerksam warten sie auf das plötzliche Untertauchen des Schwimmers. So kann ein ganzer Angelsporttag vergehen. Die meisten Angler stören sich nicht daran, wenn sie nichts gefangen haben. Sie kommen durch Geduld und Warten zum Erfolg. Die Fischer, gerade die am See Genezareth, müssen beim Fangen und Verkaufen sprechen, schreien, flüstern. Für die Netze sind Teams verantwortlich. Alle müssen zusammen arbeiten, und sie verständigen sich mit ihren Nebenleuten durch Gesten und Zurufe. Netzfischer reden mehr als einsame Angler, übrigens auch nach dem Fang, wenn sie entschuppte Fische und kleine Gewinne aufteilen. Sie können Enttäuschungen über ausbleibenden Fang bejammern. Sie können lautstark und emotional Fangerfolge feiern. Vielleicht findet sich in dieser Fähigkeit, unbefangen mit Nachbarn und Kollegen zu reden, der besondere Grund, weshalb Jesus Fischer bevorzugt, wenn er Menschen zur Nachfolge einlädt. Besonders gefragt ist solche Kommunikationsfähigkeit, wenn Fischer überrascht und erschrocken Gott begegnen. Davon handelt die Predigtgeschichte, die mit einer Rede beginnt. Sprecher am nassen Rednerpult ist der Mann aus Nazareth. Er zieht so viele Menschen an, daß er sich auf dem Boot ein paar Meter vom Ufer wegrudern läßt. Die müden Fischer helfen gerne. Was Jesus sagt, darüber schweigt sich Lukas an dieser Stelle aus. Es wird diese tröstende, helfende, aufmunternde Rede gewesen sein, mit der der Prophet aus Nazareth über die Nähe Gottes zu sprechen pflegte. Niemand denke dabei an eine wissenschaftliche Vorlesung. Jesus konnte so von Gott reden, daß jeder Zuhörer seine Nähe spürte. Jesus konnte die Herzen der Menschenmenge bewegen. Sprechen fängt mit Zuhören an. Die Menschenmenge am Ufer des Sees, viele Fischer darunter, wollte hören, was Jesus zu sagen hatte. Die Fischer sind zwar skeptisch, als Jesus sie nach der Veranstaltung auffordert, noch einmal hinauszufahren auf den See. Aber sie tun, was er sagt. Mal sehen, was passiert. Fische lassen sich eigentlich eher in der Nacht oder am Morgen als in der prallen Mittagssonne fangen. Das prall gefüllte Netz, das die Fischer eine Stunde später in ihre Boote ziehen, löst bei allen zuerst Staunen und in der Folge ein großes Umdenken aus. Junge Leute aus der Großstadt würden heute als erstes ihr Smartphone zücken und Videos von prall gefüllten Netzen auf Tiktok stellen. Petrus interessiert sich nicht für Selfies oder für die Größe des Fangs. Zuerst staunt er, dann kommt er ins Nachdenken. Und er erkennt zweierlei. Das Erste: Die Rede von der Nähe Gottes war nicht Rhetorik und eine ergreifende Predigt. Hier zeigt jemand mit Vollmacht Gottes Nähe. Das Zeichen sind die vollen Netze. Und Petrus redet Jesus ab diesem Zeitpunkt nicht mehr als ‚Meister‘, sondern als ‚Herr‘ an, die damals übliche Bezeichnung für Gott. Predigtwort verwandelt sich in Zeichen, Vertrauen bei den Zuhörern verwandelt sich in Gewißheit. Die Bibel schreibt solche Kraft zuallererst Jesus selbst zu. Lukas, der Evangelist veröffentlicht hier keine Gebrauchsanweisung für göttliche Wunder, die man beliebig wiederholen könnte. Christliche Fischer sind bis heute mit gewaltigem Frust konfrontiert, wenn sie von der nächtlichen Ausfahrt mit leeren Händen zurückkehren. Das Zweite: Petrus erkennt die Gegenwart Gottes. Mit Jesus von Nazareth steht die göttliche Kraft in einer besonderen Beziehung. Und gleichzeitig damit lernt Petrus etwas über sich selbst. Er erkennt, wieso er mit seinem eigenen Leben und seiner Lebensgeschichte der Gegenwart Gott überhaupt nicht entspricht. Barmherzigkeit gegen Härte. Trost gegen Verachtung. Gnade gegen Rechthaberei. Nähe gegen Entfernung von Gott. Die Bibel faßt das alles in dem Wort Sünde zusammen. Wie die anderen Jünger ist Petrus erschrocken. Die Nähe Gottes und die Sünde der Menschen passen nicht zusammen. Die Geschichte geht nun nicht in der Aneinanderreihung von statischen Zuständen auf. Hier wirkt die Nähe von Gottes Gegenwart. Diese Glaubenskräfte überwiegen das Wunder des großen Fischfangs. Im Gespräch zwischen Petrus und Jesus entsteht bahnbrechend Neues. Denn Jesus weiß um die Sünde der Menschen, um ihre Rechthaberei und Gottesferne. Und er läßt sich davon nicht beirren. Das ist seine Praxis der Gnade, daß er die Sünde der vor ihm stehenden Fischer sofort verwandelt. Diese Veränderung von Erkenntnis und Glauben in Handeln und Sprechen betrifft jeden einzelnen Christen. Darauf lohnt ein genauerer Blick. Evangelischer Glaube bringt Menschen, Amtsträger wie einfache Gläubige, hinein in ein Geflecht, das sie als Sünder und Gerechte zugleich anspricht. Was bedeutet das? Es bedeutet dreierlei. Zuerst: Jeder Mensch ist ausgezeichnet durch seine Würde, die ihm nicht genommen werden darf. Zu dieser Würde gehört auch Verletzlichkeit. Zu dieser Würde gehört auch Fehlbarkeit, so etwas wie die Anlage dafür, stets so zu handeln, wie es den Interessen des eigenen Egos entspricht. Sünde ist Denken und Handeln in Gottesferne. Wichtig ist aber: Evangelischer Glaube sieht Menschen nicht nur als Sünder. Das wäre simpler Pessimismus, wäre im letzten Menschenverachtung. Dann: Evangelischer Glaube spricht auch von der Gnade, die den Glaubenden zuteil wird. Dem Petrus kommt Gott in Jesus Christus nahe. Heute nähert sich Gott den Menschen im Gottesdienst, im Gebet, im gesungenen Choral, im Abendmahl, in allen Zeichen, in denen die Liebe Gottes zu den Menschen sichtbar wird. Choräle, Gebete, Gottesdienste finden ihren entscheidenden Zweck darin, daß sie zurückverweisen auf die Geschichten und Predigten des Jesus von Nazareth. Wer Gnade und Liebe in ihm erkennt, der fängt mit dem Glauben neu an. Der erkennt auch seine Sünde. Genau wie jedes Licht Schatten erzeugt. Aber diese Sünde kann eben überwunden werden. Zuletzt: Evangelischer Glaube sieht in der Begegnung mit den Worten und Geschichten Jesu den überwältigenden Neuanfang, der zwischen den Polen von Sünde und Gnade stattfindet. Glaube ist eine Kraft, eine Dynamik, eine enthusiastische Bewegung. Sie erzeugt andere Überzeugungen, ein neues Denken und neues Handeln. Glaube macht Fischer wie Petrus zu Menschenfischern. Glaube verwandelt Sünde in Angenommensein. In den letzten Jahren haben einige Menschen neben ihrem Bett im Schlafzimmer so genannte Traumfänger aufgestellt, kleine Holzgebilde mit einer Art Spinnennetz. Sie sollen die Träume der Nacht einfangen, so daß die aufgewachten Schläfer gute Träume erinnern und Alpträume sofort vergessen. Mir gefällt der Gedanke, Christen als Hoffnungsfänger zu bezeichnen. Hoffnungsfänger werfen ein Netz aus wie die Fischer damals am See Genezareth. Glaubende heute werfen ebenfalls ein Netz aus, aber sie fangen nicht Barsche und Karpfen, sondern Hoffnungssplitter, kleine Zeichen, die ihnen die Gegenwart Gottes nahebringen. Hoffnungsfänger werfen ihre Netze nicht nur für den eigenen Gebrauch aus. Hoffnungssplitter wachsen mit jedem Mal, da sie weitergegeben werden. Glaube und Hoffnung, die Geschichten des Jesus von Nazareth - das braucht das Gespräch, das nach Vertrauen sucht. Es braucht – in allen Situationen der Verzweiflung, des Haderns und Zauderns – die Zuversicht, daß Gott den Menschen, denen er seine Gnade zeigen will, einen guten Fang der Hoffnung auf den Kahn spült. Der Friede Gottes, der sich anfühlt wie ein überquellendes Netz von Hoffnung, bewahre eure Herzen und Sinne in Jesus Christus.