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Evangelisch · Diese Tradition mit einer anderen vergleichen

Motettenansprache

ohne Namen · Thomaskirche Leipzig – Predigten, Ansprachen & Vortraege · 2026-10-16 · Leipzig · Quelle

Gemeinschaft · Hauptbotschaft Hoffnung · Hauptbotschaft Demut · tragend

Menschliche Ohnmacht und Orientierungslosigkeit in Krisenzeiten werden durch die Gemeinschaft und die Zuwendung des Heiligen Geistes getragen, die das Fehlen von Worten und die Unmöglichkeit, das Paradies selbst zu schaffen, überwindet.

Wir wissen nicht – aber wir sind nicht orientierungslos. Wir sind schwach – aber wir sind nicht allein.

Die Predigt thematisiert die menschliche Ohnmacht angesichts von Kriegen und der Erosion von Wahrheit in der aktuellen Medienlandschaft. Am Beispiel der russischsprachigen Minderheit in Estland wird gezeigt, wie unterschiedliche Informationswelten soziale Grenzen schaffen. Die Kirche wird als Ort des Zuhörens und der Beziehungsaufnahme vorgestellt, um Manipulation zu begegnen. Zentrale theologische Stütze ist Römer 8, wo Paulus die menschliche Schwäche und das Fehlen von Worten im Gebet anerkennt. Der Heilige Geist wird als Trost dargestellt, der diese Schwachheit durch unaussprechliches Seufzen trägt. Die Predigt betont, dass Menschen das Paradies nicht selbst herstellen können, sondern auf Gottes neue Welt hoffen dürfen. Bachs Musik wird als Bild für die Gemeinschaft verwendet, in der aus dem Seufzen ein Halleluja wird.

Weltbild

was das heißt
Was ist nach diesem Text die Wurzel des Übels?
Leere, Orientierungslosigkeit, Verzweiflung; Unwissenheit, Illusion, falsche Sicht der Wirklichkeit
Wo sitzt das Übel?
in der Epoche selbst, im Zustand des Zeitalters
Was hilft dagegen?
Zusammenhalt, gegenseitige Hilfe, Zugehörigkeit; Zuwendung Gottes, Erlösung, die nicht verdient wird
Was ist der Mensch nach diesem Text?
gefallen, aus eigener Kraft nicht heil zu machen
Wohin geht die Geschichte?
eine Wende, ein Kommen, eine neue Ordnung steht bevor
Worauf stützt der Text seinen Anspruch?
auf die heilige Schrift der eigenen Tradition; auf eigenes Erleben, Zeugnis, Begegnung
Wem gilt die Zuwendung, die der Text fordert?
den eigenen Glaubensgeschwistern
Wohin richtet sich die Kritik des Textes?
auf andere, die Gesellschaft, andere Gruppen

Verwandte Texte aus anderen Traditionen

nach Ähnlichkeit der Auswertung, ein Text je Tradition

Wozu der Text aufruft

Genannte Stellen

Römer 8

Gemessen

Grundhaltung
2 von -2 bis 2
Eindringlichkeit
2 von 3
Reichweite
3 von 5
Konkretheit
2 von 3
Abgrenzung
1 von 3
Zeitbezug
früher 1, jetzt 3, künftig 2

Ausgewertet mit qwen/qwen3.8-27b, Fassung v3. Die Maßstäbe sind für alle Traditionen gleich, nachzulesen unter Werte.

Wortlaut anzeigen
Motettenansprache in der Thomaskirche Leipzig am 16. Oktober 2026 „Der Geist hilft unserer Schwachheit auf“ (Römer 8) Gnade sei mit Euch… Liebe Schwestern und Brüder, in Zeiten wie diesen fehlen einem oft genug die Worte. Und das nicht, weil etwas so umwerfend schön ist. Sondern weil es das Schwere im Leben gibt. Manches ist kaum auszuhalten. Wir sehen die Bilder von Kriegen und Zerstörung. So viel Ohnmacht und man weiß nicht, was man sagen oder beten soll. Und zu all dem kommt eine andere Erfahrung: Wir erleben, wie schwer es geworden ist, sich auf Worte und Informationen zu verlassen. Was ist wahr und was pure Behauptung? Was ist Meinung und wem kann ich glauben? Der österreichische Publizist Robert Misik spricht von einer „Zerstörung der Vernunft“ . Dabei geht es nicht nur darum, Menschen von einer falschen Behauptung zu überzeugen. Viel wirksamer kann es sein, so viele widersprüchliche und wahrheitsferne Behauptungen in die Welt zu setzen, dass Menschen irgendwann denken: Man kann ohnehin nichts mehr wissen. Alles ist nur Meinung. Niemandem kann man trauen. Dann wird nicht nur Wahrheit beschädigt. Auch Orientierung geht verloren. Menschen ohne Orientierung verlieren den Boden unter den Füßen. Sie sind leichter manipulierbar. Vor Kurzem war ich in Estland, u.a. in Narva unmittelbar an der Grenze zu Russland. Die Stadt ist zu über 90% russischsprachig. Viele Menschen leben dort in einer besonderen Spannung: Sie gehören zu Estland. Nur – sie sprechen kein estnisch. Folglich schauen sie im Fernsehen auch keine estnischen Nachrichten. Sie sehen weitgehend russische Kanäle, die antiwestlich sind. Sie sind in der russischsprachigen Lebenswelt zu Hause, die oft genug über Estland geherrscht hat – mit all den Opfern, die das gebracht hat. Man spürt dort, dass eine Grenze nicht nur aus einem Fluss oder einem Grenzübergang besteht. Grenzen können auch in Köpfen entstehen durch unterschiedliche Sprachen, Erfahrungen und Informationswelten. Zwei durch die Kriege und Geschichte klein gewordene evangelische Gemeinden habe ich kennenlernen können. Das sind Orte, an dem Menschen miteinander reden können. An dem nicht zuerst gefragt wird, welcher Herkunft jemand ist oder zu welchem Lager er gehört. Sondern: Wer bist du? Was trägt dich? Was macht dir Angst? Worauf hoffst du? Das ist in Zeiten wie diesen eine der wichtigen Aufgaben von Kirche: Orte zu schaffen, an denen Menschen wieder lernen, einander zuzuhören, Wirklichkeit gemeinsam wahrzunehmen und Vertrauen wachsen zu lassen. Deshalb: Ein Gegenmittel gegen Manipulation ist Beziehung. Aber auch das müssen wir uns eingestehen: Nicht jedes Gespräch löst einen Konflikt. Nicht jedes Zuhören überwindet eine Grenze. Und nicht auf jede Frage finden wir eine Antwort. Manchmal bleiben wir ratlos zurück. Manchmal fehlen uns selbst die Worte. Was trägt dann? Was hilft uns, wenn wir nicht mehr weiterwissen? Paulus kennt diese Erfahrung. Im achten Kapitel des Römerbriefes schreibt er: „Wir wissen nicht, was wir beten sollen, wie sich's gebührt.“ Das ist ein erstaunlicher Satz. Paulus sagt nicht: Wir wissen überhaupt nichts mehr oder alles ist relativ und nur Meinung. Er sagt: Wir wissen nicht, wie wir beten sollen. Es gibt Grenzen unseres Verstehens. Es gibt Situationen, in denen unsere Vernunft nicht weiterweiß. Es gibt Leid, für das wir keine Erklärung haben und wo uns schlicht die Worte fehlen. Paulus hat keine Angst, das auszusprechen. Wir sind schwach. Das ist bei Paulus mehr als ein momentanes Gefühl der Überforderung. Unsere Schwachheit gehört zu unserer menschlichen Begrenztheit. Wir können unser Leben nicht selbst sichern. Wir können die Geschichte nicht in den Griff bekommen. Wir können das Heil nicht selbst herstellen. Der Dichter Wolf Biermann hat, aus seiner Erfahrung mit der kommunistischen Diktatur, dafür einen bemerkenswerten Satz gefunden. Er sagt, er habe lernen müssen, dass jeder Versuch, das Paradies auf die Erde zu zwingen , in die Hölle der Diktatur führe. Wir Menschen versuchen oft genug, die Kontrolle zu haben und alles in Ordnung zu bringen. Wir wollen die perfekte Lösung, die endgültige Wahrheit, die Gesellschaft ohne Widerspruch. Doch der christliche Glaube geht anders. Er sagt: Wir wissen und können nicht alles. Wir können das Paradies nicht selbst machen. Aber – und jetzt kommt die große Wendung des Paulus: Wir sind damit nicht allein. „Der Geist hilft unserer Schwachheit auf.“ Der Geist Gottes nimmt uns die Vernunft nicht ab. Im Gegenteil: Gerade weil wir Menschen sind, die Wahrheit suchen sollen, müssen wir denken, prüfen, unterscheiden und widersprechen, wo Unwahrheit Menschen zerstört. Aber wir müssen auch nicht glauben, dass unsere Vernunft allein die Welt erlösen kann. Wir sind begrenzt. Es ist uns nicht alles möglich! Und wenn wir nicht mehr wissen, was wir beten sollen, dann sagt Paulus: „Der Geist selbst vertritt uns mit unaussprechlichem Seufzen.“ Ein wunderbares Bild. Wenn uns die Worte fehlen, fehlen sie Gott nicht. Unser Schweigen ist vor Gott nicht leer. Unser Seufzen wird zum Gebet. Wir wissen nicht – aber wir sind nicht orientierungslos. Wir sind schwach – aber wir sind nicht allein. Mir ist deshalb auch die Arbeit des GAW wichtig. Im Kontakt im Besuchen und im Zuhören mit den Partnern und Gemeinden lerne ich immer wieder: Was trägt, wenn vieles andere nicht mehr trägt. Und dann hören wir Bachs Musik. Zwei Chöre treten miteinander in Beziehung. Eine Stimme antwortet der anderen. Ein musikalisches Geflecht entsteht, in dem niemand allein bleiben muss. Und am Ende geschieht etwas, das fast größer ist als unsere Worte: Aus dem Seufzen wird ein Halleluja . Nicht, weil plötzlich alle Fragen beantwortet wären und die Welt schon heil wäre. Sondern weil mitten in unserer unerlösten Welt eine andere Wirklichkeit hörbar wird. Eine Wirklichkeit, die wir nicht herstellen können, aber hoffen dürfen. Wir wissen nicht – aber wir sind nicht orientierungslos. Wir sind schwach – aber wir sind nicht allein. Wir können das Paradies nicht machen – aber wir dürfen auf Gottes neue Welt hoffen. Und wenn uns die Worte fehlen, dann dürfen wir jetzt einfach hören. Denn: „Der Geist hilft unserer Schwachheit auf.“ Amen.