Die Erfahrung, von Gott gesucht und als sein Kind angenommen zu sein, gibt dem Menschen inneren Frieden und die Kraft, sein eigenes Unrecht zu benennen und wiedergutzumachen.
Die Predigt nimmt die biblische Erzählung vom Zöllner Zachäus (Lukas 19,1–10) auf und liest sie als Geschichte von Neugier, Zugehörigkeitsangst und Neuanfang. Als Gegenwartsbezug wird der Begriff FOMO (Fear of Missing Out) eingeführt, um das Dazugehören-Wollen und die Angst, etwas zu verpassen, als zeitübergreifendes menschliches Erleben zu beschreiben. Zachäus wird als jemand dargestellt, der durch die Begegnung mit Jesus erkennt, dass er Gottes Kind ist, und daraufhin beschließt, Unrecht wiedergutzumachen. Die Predigt betont die wechselseitige Bewegung des Suchens: Zachäus sucht Jesus, und Jesus sucht Zachäus. Bezug genommen wird auf das jüdische Neujahrsfest und die Bußzeit bis Jom Kippur als Beispiel für die biblische Vorstellung von Gerechtigkeit und Wiedergutmachung. Die zentrale Botschaft ist, dass die Erfahrung, von Gott gesucht und angenommen zu sein, inneren Frieden schenkt und zu verantwortungsvollem Handeln gegenüber anderen befähigt.
Ausgewertet mit qwen3.8-27b, Fassung v3.
Die Maßstäbe sind für alle Traditionen gleich, nachzulesen unter Werte.
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Stiftskirche Stuttgart Sonntag, 06. September 2026 14. Sonntag nach Trinitatis Pfarrerin Monika Renninger Lukas 19, 1-10
Vermutlich kennen Sie die Erzählung, die wir als Predigttext hören. Es ist die Geschichte vom Zöllner Zachäus, in dessen Haus sich Jesus als Gast einlädt. Damit verändert sich dessen Leben. Es ist wohl die meisterzählte biblische Geschichte im Kindergarten, Religionsunterricht und Kindergottesdienst. Versuchen wir, sie heute mit erwachsenen Ohren zu hören und neu zu wahrzunehmen:
Jesus kam nach Jericho; sein Weg führte ihn mitten durch die Stadt. Zachäus, der oberste Zolleinnehmer, war ein reicher Mann. Er wollte unbedingt sehen, wer dieser Jesus war. Aber es gelang ihm nicht, weil er klein war und die vielen Leute ihm die Sicht versperrten. Da lief er voraus und kletterte auf einen Maulbeerfeigenbaum; Jesus musste dort vorbeikommen, und Zachäus hoffte, ihn dann sehen zu können. Als Jesus an dem Baum vorüberkam, schaute er hinauf und rief: Zachäus, komm schnell herunter! Ich muss heute in deinem Haus zu Gast sein. – So schnell er konnte, stieg Zachäus vom Baum herab, und er nahm Jesus voller Freude bei sich auf. Die Leute waren alle empört, als sie das sahen. Wie kann er sich nur von solch einem Sünder einladen lassen! sagten sie. Zachäus aber trat vor den Herrn und sagte zu ihm: Herr, die Hälfte meines Besitzes will ich den Armen geben, und wenn ich von jemandem etwas erpresst habe, gebe ich ihm das Vierfache zurück. Da sagte Jesus zu Zachäus: Der heutige Tag hat diesem Haus Rettung gebracht. Denn dieser Mann ist doch auch ein Sohn Abrahams. Und der Menschensohn ist gekommen, um zu suchen und zu retten, was verloren ist.
Luk.19,1-10 (Übersetzung: NGÜ)
Kennen Sie den Begriff FOMO? Darunter leiden viele Leute heutzutage, so die Diagnose unseres gesellschaftlichen Befindens – Fear of Missing Out:
Man hat immer Angst, etwas zu verpassen und ist deshalb stets auf dem Sprung zum nächsten Ereignis, will überall dabei sein und ist dann nirgends.
FOMO beschreibt das unruhige oder unangenehme Gefühl, dass andere
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gerade eine tolle Zeit haben, spannende Dinge erleben oder wichtige Informationen erhalten, während man selbst nicht dabei ist. Übrigens geht das nicht nur jungen Leuten so, das betrifft alle Generationen. Wer über die Angst, etwas zu verpassen, erstaunt oder missbilligend den Kopf schüttelt, prüfe zunächst sich selbst.
Das Gefühl ist nicht neu. Auch die Zachäus-Geschichte erzählt vom Dabei-Sein-Wollen und Dazugehören-Wollen. In der Erzählung hören wir von Ablehnung, Ärger, Aufregung. Wir hören von ernsten Zurechtweisungen, bekommen aber auch Situationen voller Komik vor Augen gemalt.
Ich höre sie sagen: Dass dieser Zachäus, dieser Ober-Geldeintreiber, es wieder einmal geschafft hat. In der großen Menge erspäht Jesus ausgerechnet ihn. Lächerlich auf einem Ast hockend. Klar, immer der Zachäus.
Und dann lädt sich Jesus bei ihm auch noch zu Gast ein. So etwas macht man doch nicht. Der Zachäus ist ein Betrüger. Einer, der nichts von Gott hält. Einer, der den Leuten das Leben schwer macht. Ausgerechnet dem so viel Zeit und Zuwendung schenken? Also wirklich! Andere hätten das vielleicht verdient, aber der doch nicht. - Die Leute sind empört. Doch trotz des Ärgers steht am Ende ein Fest, ein Gastmahl. Gemeinsam an einem Tisch sitzen: eine Geste der Versöhnung und des Friedens.
Diese Geschichte erzählt davon, wie ein Mensch zum Frieden mit sich und mit anderen kommt. Er kommt zum Frieden, indem er erfährt: Ich bin Gottes Kind. Das nimmt mir niemand weg. Ich kann wieder neu anfangen, wenn ich etwas falsch gemacht habe. Und ich kann versuchen, wieder gut zu machen, was ich anderen als Schaden zugefügt habe. Ich kann meine Hand zum Frieden reichen und etwas tun. So entsteht aus dem Frieden des Herzens auch Friede für andere.
Am Anfang steht die Neugier: Zachäus will Jesus sehen. Neugier ist nichts Verkehrtes, im Gegenteil. Diese Haltung ist bei uns Menschen die Grundvoraussetzung dafür, dass wir uns aufmachen, die Welt für uns zu entdecken und zu erschließen. Wenn Kinder nicht das Drängen danach hätten, Neues für sich zu entdecken, Unbekanntes kennen zu lernen und zu erforschen, Unverständliches zu entschlüsseln, dann könnten sie nicht leben, dann könnten sie sich nicht entwickeln und zu eigenständigen Menschen werden. Etwas Kindliches also haftet dem Neugierig-Sein an, etwas von der Urkraft, die wir zum Leben brauchen. „Ihr müsst werden wie die Kinder“ sagt Jesus - damit ist nicht ein Unmündigwerden gemeint, sondern das Lebensfähigwerden.
Für Zachäus nimmt das Leben eine neue Wendung in der Begegnung mit Jesus. Zachäus wird zum Freund Gottes, der das Unrecht wieder gut macht, das er begangen hat und die Chance eines Neuanfangs ergreift, im
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Namen des Gottes, der barmherzig Umkehr ermöglicht und heilt, was in Unordnung gekommen ist.
Dass man versucht, etwas wieder gut zu machen, gehört zur Vorstellung von Gerechtigkeit in der biblischen Tradition. In symbolische Form gegossen findet sich das im jüdischen Jahreskalender: Am kommenden Freitag ist das jüdische Neujahrsfest, dem die zehn Bußtage folgen, bis zum Großen Versöhnungstag Jom Kippur. In diesen zehn Tagen soll man aktiv auf diejenigen zugehen, denen man etwas schuldig geblieben ist im zurückliegenden Jahr: ganz konkret im Tun, aber auch in Worten, Gesten, Zuwendung. Alle sind aufgefordert, ihre Dinge in Ordnung zu bringen, bevor an Jom Kippur, am Großen Versöhnungstag, alles im Gebet vor Gott gebracht wird.
In der Erzählung treibt die Neugier Zachäus auf den Baum: Er will Jesus sehen. Diese Neugier ist vom Funken der Gottessehnsucht entflammt.
Sie macht sich auf die Suche, Unentdecktes zu entdecken und Unverstandenes zu verstehen. Gibt es eine Gottessehnsucht in uns, die uns Gott mit anerschaffen hat? Der große Kirchenlehrer aus den Anfängen der Kirche, Augustinus, greift den Gedanken auf, wenn er die menschliche Seele so beschreibt. „Suche Gott, und du findest Gott und alles Gute dazu. Geschaffen hast du uns zu dir, und ruhelos ist unser Herz, bis dass es seine Ruhe hat in dir.“ Wir haben die Gottes-Sehnsucht im Herzen und zugleich ist uns die Gottesgabe der Freiheit geschenkt, auch die Freiheit, ohne Gott leben zu wollen. Wie geht das beides zusammen? Da ist auf der einen Seite unsere vollkommene Freiheit, über uns selbst zu verfügen und zu bestimmen, ob wir uns Gott zuwenden oder nicht. Und auf der anderen Seite ist da der Gedanke von der Gottessehnsucht in unserer Seele. Der Funke der Gottessehnsucht, der sagt, der Mensch sei letztlich und zutiefst nicht zu seinem Grund gekommen, wenn er dieser Gottessehnsucht nicht Raum gibt, flackert in unserer scheinbar völligen Autonomie auf. Wenn Gott uns mit der Sehnsucht nach Gott geschaffen hat, dann zeigt das auch: Gott hat Sehnsucht nach seinen Geschöpfen. Gott will eine Antwort, wartet auf eine Antwort, sehnt sich nach seinen Geschöpfen und sucht sie.
Die Erzählung schildert die Dynamik dieser wechselseitigen Beziehung.
Zachäus sucht Jesus. Aber Jesus sucht auch Zachäus. Farbenreich zeichnet die Erzählung ein Bild: Jesus ist auf dem Weg durch Jericho hindurch.
Zachäus rennt vorne draus und klettert auf Bäume. Dann plötzlich, der Halt:
Jesus bleibt mitten auf dem Weg stehen und sucht mit seinem Blick den Zachäus. Wenig später wird Zachäus vor Jesus stehenbleiben, auch wenn ihm vermutlich eher zum Davonlaufen ist in seiner Lebensbeichte. Die Bewegung des Suchens gibt es also auf beiden Seiten, bei Zachäus und bei
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Jesus. Im Stehenbleiben, Wahrnehmen und Weitergehen wird eine neue Geschichte eröffnet, jetzt mit einem Zachäus, der anders leben wird als zuvor, und mit einem Jesus, der suchend und heilend zur Gottesbegegnung mit dem nächsten Verlorenen weiterziehen wird.
So wie Zachäus neugierig und sehnsüchtig nach - er weiß selbst nicht was - aus seinem Maulbeerfeigenbaum herunter nach Jesus Ausschau hält, so hält Jesus inne und schaut hinauf, um ihn mit einem Blick zu erfassen: Er ruft ihn beim Namen. Beim Namen nennen, den Namen kennen, das ist im biblischen Sprachgebrauch ein ganz entscheidendes Zeichen des Sehens, Erfassens, Wissens. Der Mensch, Zachäus, wird erkannt und angesprochen - in Jesu Blick, der ihn festhält, der ihm Halt gibt. Er gibt ihm neuen Boden unter den Füßen, er gibt ihm neuen Grund zum Leben mit dem Satz, mit dem er ihn ruft: Ich muss heute in deinem Hause zu Gast sein. Du bist ein Sohn Abrahams. Du bist Gottes Kind, gehörst zu Gott, wie jeder andere hier. Der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.
Die Freundlichkeit Jesu überwältigt Zachäus. Er erkennt: Was ich getan und wie ich mich verhalten habe, das war nicht richtig. Keine Ausflüchte.
Es waren nicht die Umstände, es war nicht der Druck, der auf mich ausgeübt wurde, es war nicht die günstige Gelegenheit, die doch wahrscheinlich jeder ergriffen hätte. Sondern er muss vor sich und vor anderen zugeben: Ich habe mich bereichert. Ich war’s. Als das aus ihm raus ist, ist er wie befreit.
Nun, mit freiem Kopf und Herzen kommt er auf neue Ideen: Ich gebe die Hälfte von meinem Reichtum den Armen, und wen ich betrogen habe, der bekommt es mit Zinseszins, vierfach, zurück. Man erfährt nicht, ob Zachäus in der Folge dieser Begegnung seinen Beruf oder seinen Wohlstand aufgibt.
Aber er gibt das Versprechen, in Ordnung zu bringen, was falsch war. Er übernimmt Verantwortung für das, was war. Er ändert sein Denken und damit auch sein Tun. Ich war’s. Dieser Satz verschafft neue Freiheit. Ich war’s, das bedeutet: Ich will, dass es anders wird.
Die Erzählung macht Mut, und sie tröstet: Zachäus kommt dann zum inneren Frieden, als er von Jesus hört: Ich will bei dir zu Gast sein. Du gehörst zu Gott. Du bist Gottes Kind. Das gibt ihm Kraft, sich für den Frieden mit anderen in Bewegung zu setzen: Er bringt in Ordnung, was er in Ordnung bringen kann. Sein Leben bekommt eine neue Richtung, weil es einen Grund gibt: Gott hat ihn gesucht. Gott hat ihn gefunden.
Amen.