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Stiftskirche Stuttgart Sonntag, 24. November 2024 Ewigkeitssonntag Stiftspfarrer Matthias Vosseler Psalm 126

ohne Namen · Stiftskirche Stuttgart – Predigten · 2024-11-24 · Stuttgart · Quelle

Hoffnung · Hauptbotschaft Barmherzigkeit · tragend Gemeinschaft · tragend

Tränen und Trauer sind nicht verloren, sondern Saat, aus der durch Gottes Wirken Friede und Ernte entstehen; die Zukunft ist nicht verloren, auch in der Dunkelheit des Todes.

Der Text ist eine Predigt zum Ewigkeitssonntag in der Stiftskirche Stuttgart, die Psalm 126 auslegt. Sie verbindet die Novemberstimmung mit dem Thema Vergänglichkeit und Tod und lenkt den Blick auf die Verstorbenen des Kirchenjahres. Der Psalm wird als Wallfahrtslied der Babylonischen Gefangenschaft verstanden, das von Erlösung, Heimkehr und Ernte nach Tränensaat erzählt. Die Predigt fragt die Gemeinde nach ihren Zukunftsträumen im Glauben und ermutigt, Tränen nicht zu verschweigen, sondern als wertvoll zu begreifen. Sie verweist auf die Vision des Johannes, dass Gott die Tränen abwischen wird, und deutet den hebräischen Buchstaben Schin als Symbol für Zusammenführung und Schalom. Die zentrale Botschaft ist, dass aus Trauer und Tränen Hoffnung und Friede entstehen können, weil Gott das Zerbrochene wieder zusammenbringt.

Weltbild

was das heißt
Was ist nach diesem Text die Wurzel des Übels?
Krankheit, Tod, Vergänglichkeit als Grundproblem; Feindschaft, Hass, Zerfall der Gemeinschaft (erschlossen)
Wo sitzt das Übel?
in der Epoche selbst, im Zustand des Zeitalters
Was hilft dagegen?
Zuwendung Gottes, Erlösung, die nicht verdient wird; Zusammenhalt, gegenseitige Hilfe, Zugehörigkeit
Was ist der Mensch nach diesem Text?
gefallen, aus eigener Kraft nicht heil zu machen
Wohin geht die Geschichte?
eine Wende, ein Kommen, eine neue Ordnung steht bevor
Worauf stützt der Text seinen Anspruch?
auf die heilige Schrift der eigenen Tradition
Wem gilt die Zuwendung, die der Text fordert?
jedem Menschen, ohne Ansehen des Glaubens
Wohin richtet sich die Kritik des Textes?
der Text kritisiert nicht

Verwandte Texte aus anderen Traditionen

nach Ähnlichkeit der Auswertung, ein Text je Tradition

Wozu der Text aufruft

Genannte Stellen

Ps 126 · Ps 56,9 · Offb 21

Gemessen

Grundhaltung
2 von -2 bis 2
Eindringlichkeit
3 von 3
Reichweite
3 von 5
Konkretheit
2 von 3
Abgrenzung
0 von 3
Zeitbezug
früher 2, jetzt 2, künftig 3

Ausgewertet mit qwen3.8-27b, Fassung v3. Die Maßstäbe sind für alle Traditionen gleich, nachzulesen unter Werte.

Wortlaut anzeigen
Stiftskirche Stuttgart Sonntag, 24. November 2024 Ewigkeitssonntag Stiftspfarrer Matthias Vosseler Psalm 126 Liebe Gemeinde, die Tage im November führen uns in der Natur die Vergänglichkeit und das Sterben vor Augen. Aber an manchen Stellen können wir schon den Neuanfang ahnen, wenn wir etwa Ansätze von Knospen an Sträuchern oder Bäumen entdecken. Die letzten Sonntage im Kirchenjahr nehmen diese Gedanken auf: Wir hören von der Vergänglichkeit aller Lebewesen, von Sterben und Vergehen. Und wenn wir heute an die Verstorbenen des Kirchenjahres denken, dann gilt dieser Gedanke der Vergänglichkeit ganz besonders. Aber es gibt auch hoffnungsvolle Zeichen: Wir hören von einem neuen Himmel und einer neuen Erde und von der ewigen Herrlichkeit in Gottes Nähe. In diesen Zusammenhang gehört auch der 126. Psalm. Er lenkt unseren Blick aus der Gegenwart und Vergänglichkeit in die Zukunft und Unvergänglichkeit. 1 Ein Wallfahrtslied. Wenn der HERR die Gefangenen Zions erlösen wird, so werden wir sein wie die Träumenden. 2 Dann wird unser Mund voll Lachens und unsre Zunge voll Rühmens sein. Da wird man sagen unter den Völkern: Der HERR hat Großes an ihnen getan! 3 Der HERR hat Großes an uns getan; des sind wir fröhlich. 4 HERR, bringe zurück unsre Gefangenen, wie du die Bäche wiederbringst im Südland. 5 Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten. 6 Sie gehen hin und weinen und tragen guten Samen und kommen mit Freuden und bringen ihre Garben. Die Menschen des Psalms damals, sie erzählen davon, dass sie zwar am Leben waren, aber wie tot. Auch das gibt es. Sie waren vertrieben, weit weg von der Heimat Israel, irgendwo an den Flüssen Babylons, also im Irak/Iran weit im Ostern, Kriegsgefangene, am Leben, aber gefühlt fast tot. Und so sitzen sie da und erinnern sich an die Zeit als Leben in ihnen war, und an die Tränen, die sie seither geweint haben. Und in dieser Situation haben sie die Hoffnung nicht verloren, dass sich Dinge im Leben ändern, manchmal plötzlich. So wie die Bäche im Südland, also im regenarmen Süden Israels, sich manchmal füllen, obwohl es dort selbst gar nicht regnet, sondern viel weiter oben im Bergland, so wird Gott einmal ihr Schicksal wenden und die Kriegsgefangenen zurückbringen. 1. Wir werden sein wie Träumende Sag mal, wovon träumst Du eigentlich? Welche Sehnsüchte und Hoffnungen trägst Du in deinem Herzen? Ich hoffe sehr, es sind keine Alpträume. Die Vision von einer erfüllten Zukunft, beruflich, familiär oder finanziell zu entwickeln, kann man – für teures Geld – in der Unternehmensberatung, in Fortbildungen für Manager, Finanzdienstleister und Manager erlernen. Man lernt dabei, sich ein Lebensmotto zu geben, die Vision in einen kernigen Satz fassen und Ziele definieren. Mit dem Setzen von Prioritäten und dem Erreichen von Meilensteinen wird dann am Lebenstraum gefeilt. Solche Träume werden ein Teil des Vermächtnisses, das wir unseren Lieben hinterlassen. Doch ich möchte Dir jetzt konkret diese Frage stellen: Wovon träumst Du in Bezug auf den Glauben? Welche Vorstellungen hast Du von Kirche und Gemeinde, von der Verbindung zu Gott, von einem Leben nach dem Tod? Warum frage ich danach? Weil ich meine, dass in solchen Träumen eine Suche nach Trost und Hoffnung artikuliert wird. Eine Sehnsucht nach etwas, was noch kommt. Wir können uns gegenseitig in der Gemeinde stärken, wenn wir unsere Zukunftsträume teilen und gemeinsam – wie auf einer Beerdigung – die Last der Trauer tragen, was gegenwärtig so anders erlebt wird oder ist. Ich träume auch, wie jeder. Meist weiß ich den Traum am nächsten Tag nicht mehr. Manchmal beschäftigen mich Dinge, und ich schrecke nachts auf und schnappe nach Luft. Das finde ich beängstigend. Wo wird einem die Luft zu Atmen so sehr eingeschränkt, dass man nachts im Traum dann so reagiert? Und manchmal sind es schöne Träume, auch ein Sinnieren über Dinge, die ich erträume: auch in meiner Kirche. Von demokratischen Strukturen, von einem gleichberechtigten Miteinander, von einem Raumgeben dem Wirken des Heiligen Geistes, der Grenzen überwindet. Dann träume ich von einer Kirche, die sich nicht in internen Streitigkeiten und Machtkämpfe erschöpft, sondern den Menschen freundlich vom Reich Gottes erzählt und sie einlädt, zu diesem Jesus zu finden. In beiden Formen von Träumen fließen Tränen, und das ist gut so. 2. Tränensaat und Tränenernte Tränensaat und Tränenernte, davon erzählt uns dieser Psalm in so eindringlichen Worten. Wenn wir den zweiten Teil des Psalms anschauen, dann geht er auch ganz nah an das Leiden der Menschen in der Gegenwart heran. Sie sind diejenigen, die jetzt mit Tränen säen. Sie gehen und werfen weinend das Saatgut aus. Tränen sind Saatgut, liebe Gemeinde, nicht verschleuderte Körperflüssigkeit. Ohne Tränen wächst nichts im Leben, sagt uns die Bibel, ohne Tränen wächst nichts. Schämen wir uns unserer Tränen nicht, nicht auf dem Friedhof und an den Gräbern, nicht heute Morgen, wenn wir an liebe Verstorbene denken. Wenn die Tränen fließen, dann fließt es aus einem heraus. Wie gut ist es, weinen zu können. Tränen der Verzweiflung, Tränen der Trauer, Tränen der Wut, der Fassungslosigkeit wollen geweint werden. Auch Tränen der Einsamkeit, des Schmerzes, der Ohnmacht. Unsere Tränen stellen Fragen. Warum? Warum jetzt? Und mit den Tränen fließen auch die Worte, die Fragen, die Gefühle. Und irgendwann gehen die Tränen aus. Oder die Tränen werden getrocknet, zärtlich durch die Hand eines Menschen, der versteht. Diese Erfahrung gehört zum Schönsten und Wertvollsten im Leben. Wie kostbar sind solche Begegnungen mit mir selbst, mit meinem Schmerz. Und mit Menschen die mich trösten. Wie gut ist es, diese Tränen nicht allein zu weinen. Gott, sammle meinen Tränen in deinen Krug, so betet ein Mensch im Psalm (Ps 56,9). Gott, sammle meine Tränen in deinen Krug. Wer so spricht, ahnt, dass kein Mensch die tiefe Trauer heilen kann. Dass kein Mensch die Lücke schließen kann, die der Tod hinterlässt. Gott, sammle meine Tränen in deinem Krug. Keine Träne soll verloren gehen. Auch die kleinste Träne, die ich geweint habe, die ich noch weinen muss oder schon gar nicht mehr weinen kann – Gott soll sie sammeln, Gott soll unser Weinen zu seinem machen, unsere Tränen zu seinen Tränen. Unsere Tränen sollen nicht verloren gehen. Gott soll sie sammeln. Wie gut ist es, diese Tränen nicht allein zu weinen. Und in der Schriftlesung haben wir gehört: Das sieht der Seher Johannes in seiner Vision auf der neuen Erde unter dem neuen Himmel: Einen Gott, der Tränen abwischt. Gott als Abwischer der Tränen. Die Menschen, die den Psalm beten, bleiben bei der Klage und den Tränen nicht stehen. Denn sie wissen aus ihren Träumen, dass die Erntezeit kommt. Im Traum haben sie die lachenden Gesichter am Ernte-Tag gesehen, den Jubel der Heimkehrenden gehört. Sie verlassen sich darauf, dass sie einmal ihre Garben nach Hause tragen und fröhlich sein werden. Der Psalm nennt diesen vorweggeträumten Zustand nicht beim Namen, vielleicht aus Scheu, ihn zu vertreiben? Aber es ist klar, was gemeint ist mit dem Jubel am Ernte-Tag: Gottes schöner Schalom, der Friede für alle. Das Hebräische ist eine faszinierende Sprache, und so ist der Friede – Schalom – über einen einzigen Buchstaben in diesem Psalm in jedem Vers präsent. Alle zentralen Wörter in dem Psalm beginnen im Hebräischen mit dem Buchstaben Schin. Wie das Wort „kehren, wenden, heimkehren“. Das Schin sieht aus wie eine runde Schale, in der sich drei verstreute Splitter eines Ganzen vereinen und wiederfinden. Es steht für das Verb zerbrechen, auseinanderfallen, in Unordnung geraten – und ebenso für den Versuch, alles wieder zusammenzubringen. Der Klang des großen Widderhorns, des Schofar, am Yom Kippur-Fest ruft: Bring alle, die vertrieben wurden, zurück aus dem Exil. Sammle alle zerbrochenen Teile. Dieser Buchstabe Schin ist der vorletzte Buchstabe des Alphabets. Er steht vor dem Ende. Er hält die Teile des Ganzen zusammen. Das Wiederzusammensetzen aller verstreuten Scherben, das ist Schin, Schalom, Vervollständigung. So kommt zum Schluss Ruhe, der siebte Tag, Schabbat. Eine vorübergehende Aufhebung der Sorgen. Eine Mutter zündet die Schabbatlichter an und sammelt im Schein der Kerzen Segenfülle Schefa in ihrem Heim. Und der Heilige weilt unter ihnen, die Schechina, der Lichtglanz Gottes. So haben wir in dem schönen kurzen Psalm 126 durch einen einzigen Buchstaben einen großen Bogen vom Wenden des Schicksals, vom Umkehren und Heimkehren der Vertriebenen und Heimatlosen in Vers 1 bis zum Schalom. Der Friede Gottes bringt das wieder zusammen, was auseinandergefallen ist. Im Traum sehen wir die Zukunft, die wir gestalten wollen, wie der Dichter Victor Hugo gesagt hat: „Ein Traum ist unerlässlich, wenn man die Zukunft gestalten will.“ Gott sammelt unsere Tränen und aus ihnen darf etwas Gutes entstehen, auch heute. Amen