Gottes Barmherzigkeit heilt nicht alle Verletzungen, aber sie gibt den Verletzten einen Platz in der Gemeinschaft und eröffnet neue Wege des Lebens.
Der Text beginnt mit einer persönlichen Anekdote über eine irrtümlich versandte Einladung zur Olma-Alpkäse-Prämierung, die bei der Pfarrerin zunächst Vorfreude und dann Enttäuschung auslöst. Diese Erfahrung dient als Einstieg in eine theologische Reflexion über das Wesen von Einladungen und Zugehörigkeit. Im Zentrum steht die biblische Erzählung aus 2. Samuel 9, in der König David den gelähmten Mephiboschet, einen Nachkommen des verstorbenen Königs Saul, an seinen Tisch einlädt. David handelt dabei aus Treue zu seinem Freund Jonathan und um Gottes Barmherzigkeit weiterzugeben. Die Geschichte illustriert, wie Macht und Güte genutzt werden können, um Würde zurückzugeben, ohne die bestehenden Einschränkungen (die Lähmung) zu heilen. Der Text verbindet dies mit der Idee, dass Gottes Güte Kreise zieht und Menschen auffängt, auch wenn sie verletzt sind. Abschließend ermutigt die Pfarrerin die Zuhörer, eigene Sehnsüchte ernst zu nehmen und mutig neue Wege zu gehen, da Gott neue Wege öffnet.
2. Samuel 9
Ausgewertet mit qwen/qwen3.8-27b, Fassung v3.
Die Maßstäbe sind für alle Traditionen gleich, nachzulesen unter Werte.
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S.A.F. Audio Liebe Hörerinnen, lieber Hörer, Anfang August bekam ich eine E-Mail von der O.M.A. der Schweizer Messe für Landwirtschaft und Ernährung. Grüezi Anker, begann die Nachricht. Dann hieß es, zum 25-Jahr-Jubiläum der O.M.A. Alpkäse-Premierung laden wir Älplerinnen und Älpler herzlich ein, ihre besten Alpkäse einzureichen. Natürlich war ich erstaunt. Schließlich bin ich weder Älplerin noch Käserin. Aber womöglich war den verantwortlichen zu Ohren gekommen, dass ich ein großer Käsefan bin? Jedenfalls trauten Sie mir offenbar zu, an dieser Prämierung teilzunehmen. Mit gutem Grund redete ich mir ein. Hattte ich doch erst im Juli beim Wandern wieder davon geträumt, mal einen Sommer auf einer Alp zu verbringen. Viel draußen zu sein, mich dem Rhythmus der Tiere anzupassen und abends zufrieden mit meinem Tagwerk, Todmüde auf den Strohsack zu fallen. Schon sah ich mich in einer heimeligen Alphütte stehen, die ärmelhoch gekrempelt, vor mir ein großer Kupferkessel voller Milch. Der Anker Mutschli würde womöglich schon bei der ersten Teilnahme einen Preis abräumen. Ich war ganz aufgeregt. Diese E-Mail öffnete mir, wenigstens einen Spaltbreit, die Tür zu einem neuen Leben. Umso größer war meine Enttäuschung, als zwei Tage später eine weitere Nachricht der Olma eintraf. Diesmal begann sie kurz und bündig mit Hallo. Uns ist ein kleines Versehen passiert. Unsere Einladung zur Olma-Albkäse-Premierung wurde irrtümlich an dich versendet. Bitte entschuldige diese Mail. Wir freuen uns, dich an der Olma-Degustation zu begrüßen. Aha, dachte ich, so ist das also. Nicht eine Sekunde hatte jemand an meine verborgeren Talente als Käserin geglaubt. Ich durfte zwar den premierten Käse degustieren, aber keinen eigenen einreichen und auch nicht auf eine Auszeichnung hoffen. Dass du dich darüber ärgerst, ist nun wirklich gröber peinlich, sagte ich zu mir selbst. Es war doch von Anfang an klar, dass die Einladung nur ein Versehen sein konnte. Dennoch blieb ein schales Gefühl zurück. Ich erinnerte mich an Geburtstagseinladungen aus der Kindheit, an die Freude über ein farbiges Kärtchen mit dem eigenen Namen und an das beklemmende Gefühl, wenn andere eins bekamen, um man selbst leer ausging. Einladungen sind emotionale Angelegenheiten. Sie wecken Vorfreude und manchmal machen sie einen auch nervös und sorgen für schlaflose Nächte. Vor allem aber geben sie uns das Gefühl, man hat an dich gedacht, du gehörst dazu. Darum schmerzte es, wenn eine Einladung zurückgezogen wird. Uns wird etwas genommen, das in unserer Vorstellung bereits begonnen hatte, die Aussicht auf etwas Schönes, das Gefühl dazu zu gehören. Es gibt allerdings auch das Umgekehrte. Einladungen, über die man sich zunächst gar nicht freut, weil sie eher wie eine Vorladung wirken und einen in Angst und Schrecken versetzen. Man wird gerufen und fragt sich, was wollen die von mir? Und dann erweisen sie sich manchmal als Tor zu einer Zukunft, die alle Erwartungen übersteigt. Von einer solchen Einladung erzählt das zweite Buch Samuel im 9. Kapitel. Die Geschichte spielt nicht im Boden ständigen Elb-Pamilieu, sondern im angespannten Klima eines Machtwechsels. Saul, der erste König Israels, ist tot. Auch sein Sohn Jonathan ist gefallen. David ist nun König. Bei einem solchen Machtwechsel wurden Angehörige des früheren Herrscherhauses oft beseitigt, weil sie Ansprüche auf den Thron erheben konnten. Eines Tages fragt David, ist noch jemand übrig vom Haus saus? Tatsächlich lebt noch ein Sohn Jonathans. Er heißt Mephi Boschett. Sein Name ist für unsere Ohren ungewohnt und außergewöhnlich ist auch seine Geschichte. Als Mephi Boschett fünf Jahre alt war, kam die Nachricht vom Tod saus und Jonathans. Seine Amme floh mit ihm, doch in der Hast viel das Kind zu Boden. Seither war Mephi Boschett an beiden Füßen gelähmt. Nun lebte er weit weg vom Königshof in Lodobar, fern von Jerusalem und fern von Davids Blick. Doch nun lässt der König ihn holen. Mephi Boschett wird diesen Befehl kaum aus Einladung verstanden haben. Auf dem Weg nach Jerusalem dürfte er gedacht haben, jetzt hat David mich gefunden, jetzt wird abgerechnet. Als er vor den König gebracht wird, wirft er sich zu Boden. Er macht sich klein, noch bevor ein anderer es tun kann. Sie, dein Diener ist hier, sagt er unterwürfig. Fürste dich nicht, antwortet ihm David. In der Bibel fällt dieser Satz selten dort, wo es nichts zu Fürsten gibt. David hat die Macht und Mephi Boschett ist ihm ausgeliefert. Doch David gebraucht seine Macht anders als Mephi Boschett erwartet. Er erinnert sich an seine Freundschaft mit Jonathan, gibt Mephi Boschett den Besitz aus zurück und sagt, du sollst immer an meinem Tisch essen. Mephi Boschett fragt unglaublich zurück, was ist dein Diener, dass du dich einem toten Hund zugewandt hast, wie ich es bin? Der biblische Text nennt zwei Gründe für David's Zuwendung für diese unerwartet großzügige Einladung. Zum einen bleibt David seinem verstorbenen Freund Jonathan treu verbunden. Zum anderen, so steht das Wort wörtlich im Text, sucht er nach einer Möglichkeit, einem anderen Menschen Gottes beim Herzlichkeit zu erweisen. Die Güte Gottes, die David selbst mehrfach erfahren hat, soll nicht bei ihm enden. Er will, dass sie sich ausbreitet. Als Güte, die wieder gutmacht, was beschädigt wurde, die einen Menschen sucht, ihn beim Namen ruft und ihm seinen Platz, seine Würde zurückgibt. Auch wir tun anderen manchmal Gutes, weil wir etwas zurückgeben wollen. Aber anders als es das Wort zurückgeben vermuten lässt, geben wir es meistens nicht jenen zurück, von denen wir es empfangen haben, sondern wir geben es weiter an Dritte. Und das ist gut so. So breitet sich beim Herzlichkeit aus, das gute Zitkreise. Die Geschichte endet mit dem Satz Methiboshet aus immer am Tisch des Königs und er war an beiden Füßen gelähmt. Die Einladung macht seine Geschichte nicht ungeschehen, seine Beine werden nicht heil. Die gelähmten Füße bleiben ein ermahendes Zeichen dafür, was Angst und Gewalt im Leben eines Menschen anrichten können. Aber sie hindern ihn nicht daran, am Tisch zu sitzen. Es ist tröstlich zu sehen, dass nicht erst alles gut werden muss, bevor etwas Neues beginnen kann. Mitten in einer Geschichte geprägt von Angst und Verletzung, von Begrenzungen und Behinderungen aller Art, können sich neue Türen öffnen. Neues Leben mitten im Alten. Die Olma hat mir immerhin kurz die Perspektive auf einen Alpsommer und den preisgegrönten Ankermutschler öffnet, um mich dann doch wieder auszuladen. Darüber zu lachen ist sicher besser, als sich darüber zu ärgern. Aber ich könnte als Dritte Variante auch ernst nehmen, was diese Einladung in mir ausgelöst hat. Offenbar gibt es in mir eine Sehnsucht nach einem einfacheren Leben, nach Handwerk und einem Alltag näher an der Natur. Und dafür brauche ich doch im Grunde keine Olma-Jury. Ich kann mich auch selbst auf den Weg machen. Denn offene Türen wollen nicht nur wahrgenommen, sondern auch durchschritten werden. Dazu braucht es Mut. Und das Vertrauen, das Gottesbammerherzigkeit uns immer wieder neue Wege öffnet. Manchmal gerade dort, wo wir gar nicht mit ihnen gerechnet haben. Und dass er mitgeht auf diesen Wegen. Amen. Das war ein Podcast von SRF produziert im Auftrag der SRG.